Backup news 15/16

Einsatz 2015/2016 Abgeschlossen:

Viel Schweiss und Anstrengung sind nun hinter uns. Einiges wurde erreicht, und noch viel mehr gibt es noch zu tun. Stete Arbeit führt zum Ziel. Und so ziehen wir Resümee.

Diesen Sommer wird es einen Vortrag geben, an verschiedenen Orten in der Schweiz.

Alle Termine finden Sie hier: Vortragstournee hier klicken!

Wir danken für Ihr Interesse und freuen uns Sie bei einem der Vorträge begrüssen zu dürfen.

 

Für eine Weile können Sie die Geschichte auch noch hier lesen, alles geordnet aber im PDF oben.

 

 

Januar – die Permapartner-Idee ensteht

Ich hatte es tatsächlich geschafft, eine Woche Urlaub zu machen. Eigentlich waren drei geplant. Aber nach einer hatte ich es schon nicht mehr ausgehalten. Ab zurück an die Arbeit.

Zurück in Andasibe recherchiere ich verschiedene Dinge. In meinem Kopf dreht es sich. Seit Wochen denke ich darüber nach, wie man die Permakultur effektiver verbreiten kann. Wie man den Bauern helfen kann, umzusteigen, wie man Ihnen die Vorteile vermitteln kann…. Wie man sie stoppen kann die Wälder zu zerstören und die die Böden mehr und mehr zu verarmen.

Die Bauern sind heute das Problem, sie können aber zur Lösung werden. In dem sie aufhören die Wälder zu zerstören. In dem sie die zerstörten Böden wieder beleben. In dem sie die Grundlage bilden für die weitere Entwicklung.

Alles schöne Gedanken. Die Realität ist weit komplizierter.

Unter den Menschen existiert Neid und Missgunst, engagierte Menschen sind selten, man lebt halt sein leben wie schon immer. Der Druck durch die überall regierende Korruption ist enorm. Das Landrecht ist sehr unsicher, und die Gedanken sind weit mehr bei neuen Handys und Status als bei vernünftigen Dingen. Da gleichen wir uns dann doch alle.

Nun, Bauern sind Unternehmer. Also müssen wir sie als diese Wahrnehmen. Die meisten die ich kennen lerne sind ultra anständig, und sehr nett. Sie Pflanzen, und sie wollen Ernte. Und darum geht es. Ob sie Wald dafür abhacken oder nicht ist ihnen im Prinzip recht egal. Sie hacken den Wald ja nicht aus böser Absicht ab.

Und so müssen wir vor allem methodisch überzeugend sein – das erreichen wir bereits durch unsere existierenden Anlagen, welche bewirtschaftet werden und besichtigt werden können. Ich erkenne deutlich, dass das Interesse gewachsen ist und es viel einfacher ist, das Wissen zu vermitteln, seit wir reale Anlagen haben. Letztes Jahr, mit Tafel und Kreide, war es praktisch unmöglich ihnen die Dinge näher zu bringen. Diesen Punkt haben wir also erfolgreich gemeistert, er kann nun immer besser werden (mit Entwicklung der Bodenfeuchte und der Humusqualität).

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist es, anfangs ökonomische Anreize schaffen. Sie dafür zu zahlen, umzusteigen, dass hat sich als praktikabel heraus gestellt. Wenn sie Geld sehen, dann tun sie. Das hat in Europa geholfen, die chemische Landwirtschaft zu verbreiten (Subventionen), dass kann hier helfen, die Permakultur einzuführen. Warum auch nicht?

Nun entwickelt sich die Idee weiter. Zuerst ist mir aufgefallen, dass sie immer alleine Arbeiten, und da kam mir die Idee, Gruppen zu bilden. Erstens, weil sie dadurch mehr Freude am schaffen haben können, zweitens, weil sie sich dadurch gegenseitig kontrollieren und unterstützen können. Oftmals gab es bei unseren bisherigen Bauern das Problem, dass sie relativ wenig gearbeitet haben. In Gruppen kann dieser Effekt evtl. eingedämmt werden.

Desweiteren kam die Idee auf, dass die schon erfahrenen Bauern die Neulinge fachlich unterstützen. Die grösste Herausfoderung von allen ist es nämlich, die Anlagen zu planen und das Wissen um die Bewirtschaftung zu vermitteln. Es werden Fachleute von uns die neuen Gruppen Schulen und das Grund-Design für die Anlagen gestalten. Dann werden sie es selbstständig umsetzen. Die Erfahrenen Bauern helfen dabei, ebenso das Beispiel der schon existierenden Farmen. Sobald wir die Zeit finden werden wir auch ein kleines Buch erstellen, welches die Sachen erklärt. Also Planung und Bau der Anlagen, Bodenaufbau, Etablierung der Bepflanzung, Umgang mit Wildpflanzen („Unkraut“), dauerhafte Bewirtschaftung der Anlage, Pflanzpläne, Fruchtfolgen etc.

Zuerst sind wir Europäer die Partner, über längere Zeit dann werden es Madagassen sein, welche Partner von Madagassen sind. So entsteht ein System der dauerhaften Partnerschaft unter Menschen, der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung, ein System, welches sich Fortpflanzt. Und dieses nennen wir Permapartner.

Kommen wir zu den Finanzen. Eine Farm aufzubauen kostet im Monat 150 000 Ariary, das entspricht 50 Franken/Euro/Dollar. Damit decken wir Kosten für Fachleute, die Direktzahlungen. Die Überwachung und Berichtersattung, die Werkzeuge, das Pflanz- und das Saatgut. Ich selbst habe damit noch keinen Lohn, eines Tages werden wir dafür aber eine Lösung finden.

Das System funktioniert mit Madagassischen Gehältern und Fachleuten.

Die Unterstützung pro Farm soll 3 Jahre gehen, das summiert sich dann in 36 Monaten zu 1800 harte Währung oder 5 400 000 Ariary. Wenn man annimmt, dass wir rund 4 millionen Bauern auf Madagaskar haben, so bräuchten wir 7,2 Milliarden harter Währung, um Madagaskar aus der Armut zu heben, ökologisch zu reparieren und die letzten Natur-Wälder der Insel zu retten. Das entspricht etwa 1,5 mal der Investition der Mine neben uns, einer deutschen Kleinstadt oder 4 tagen Militärbudget der USA.

Und obwol es eine lächerlich kleine Summe ist, werden wir diese wohl eher nicht bekommen. Verlassen wir uns zumindest nicht darauf, sondern gehen wir einen anderen Weg.

Die Bauern werden ernten, und das gar nicht schlecht, wenn die Permakultur ihre Wirksamkeit entfaltet. Es kam nun die Idee, dass die Bauern ihre Ernte teilen, und zwar 30% für 9 Jahre, nach dem ersten Jahr, in welchem hauptsächlich die Anlage gebaut wird. Es läuft also auf einen 10 Jahres-Vertrag raus. Die Rückflüsse werden zur weiteren Finanzierung des Projekts benützt, und so werden Bauern zu Unterstützern von Bauern. Wie wir garantieren, dass die Bauern auch tatsächlich teilen ist noch unklar, da ein Rechtsstaat quasi nicht existent ist. Auf dieser Ebene wird wahrscheinlich der Respekt vor Verträgen und die Kontrolle durch die Peer-Gruppen ausreichen. Wir planen einfach nur 50% Fehlschläge ein, sollte mehr kommen, auch nicht schlecht.

Kommen wir zur letzten und grössten Herausforderung: Die Politik, das Landrecht und die politische und die Kontrolle des ganzen. Korruption ist hier nicht nur an der Tagesordnung, es ist die Tagesordnung. Und Landtitel haben fast keine der Bauern. Das Landrecht basiert auf mündlicher Überlieferung, Tradition und der Willkür der lokalen Machthaber. Selbst wenn wir es schaffen, Landtitel für die Bauern zu bekommen, wird dies zu einem neuen Problem führen. Sie werden ihr Land verkaufen. Nicht alle, aber im Falle einer schweren Krankheit, bei Wegzug, bei Alkoholismus und vielen anderen Gründen. Dies führt dann zur Akkumulation von Land, und nach einiger zeit wird es wieder eine ähnliche Situation sein. Es braucht ein neues Bodenrecht, eine Reform, und hier könnte man dieses gleich implementieren. Wir brauchen das auch für Europa und für die ganze Welt. Aber das ist ein anderes Thema. Bleiben wir, vorerst, hier.

Wir überlegen ein System zu entwickeln, welches an die Allmende der früheren Tage angelehnt ist und die modernen Globalen Herausforderungen aufnimmt.

Global werden wir zur 3000 m² Gesellschaft werden müssen, wollen wir einen schönen Planeten haben (klick hier für mehr Infos). Für Madagaskar ergibt sich hieraus, nach dem der globale Klimaabgleich gemacht wurde, ein Platz von 1200 m² für Landwirtschaft und Infrastruktur pro Person. 400 benützen wir für Strassen und öffentliche lokalstruktur, bleiben 600m² für Nahrung und 200m² für Haus und Hof. Eine Familie mit 4 Köpfen hätte dann 800m² fürs Haus und Hof, also 20×40 Meter, diesen Luxus könnten auch Stadtbewohner geniessen. Mehr als ausreichend. Jeder Madagasse würde also das recht bekommen, 800 m² zu bewohnen und zu bewirtschaften, solange er sorgsam ist mit dem Land.

Desweiteren können Stadtbewohner und andere, welche nicht selbst anpflanzen, Teile ihres Nutzungsrechts an Bauern abgeben, welche dann Wirtschaftsfläche bekommen. In diesem Beispiel 600m² für Landwirtschaft. Ein Bauer, welcher 12 000 m² bewirtschaftet, könnte dadurch 20 Leute ernähren und ein Einkommen generieren.

Dieses Land könnte durch Nutzungrechte zugesprochen werden, welche nicht gekauft und verkauft werden können, sondern welche vergeben werden je nach der Fähigkeit, Land zu bewirtschaften.

Alles könnte von Hand gemacht werden, mit Handwerkzeugen und einfachen Mechanischen Hilfmitteln wie Sähmaschinen und mechanischen Vogelscheuchen sowie Wagen und Fahrrädern zum Transport von Menschen der Waren. Es kann gut sein, dass eine solche Farm keinen Vollzeit-job ausmacht, sondern eher eine 40% Stelle. Entweder geniessen die Leute dann das Leben, was ihnen sehr liegt, oder sie gehen noch anderen produktiven Beschäftigungen nach.

Erdöl würde praktisch keines eingesetzt werden, ausser für Plastik, welches zum Einsatz kommt (Verpackung, Eimer, Kanister…). Und auch dieses kann in Zukunft durch neue Plastik-arten ersetzt werden.

So kann eine Kleinbäuerliche Landwirtschaft entstehen, welche an die lokale Kultur angepasst ist, welche dem gemütlichen Madagassischen Gemüt entspricht und welche nachhaltig die Grundlage für eine Gesunde Ökologie, Ökonmie und Kultur sein kann.

Danach kann alles andere kommen. Familienplanung, Bildung, Hausbau, Handwerk…. Kunst, Kultur, Philosophie, und hoffentlich das Ende der Gier, des Korruption und all dem Übel der Menschheit.

Die biologische kleinbäuerliche Landwirtschaft, so der internationale Agrabericht von 2006 (Link), ist der einzige Weg die Menschheit langfristig mit Nahrung zu versorgen, und ich würde hinzufügen, es braucht dazu auch die Designstrategien der Permakultur, welche weit über die biologische Landwirtschaft hinaus geht.

Zusammenfassend: Es gibt folgende Herausforderungen: Wissen vermitteln, Anlagen Planen, Techniken Entwickeln, verfeinern und Einführen, Kapital zur Verfügung stellen, Rückflüsse generieren und Verwalten, Politischen Schutz gewähren, neue Landrechte einführen.

Wohlauf, tun wir dies mal!

Und dann noch eine kleine Bitte: Werden sie selbst Permapartner, Unterstützen sie uns, und fragen sie Freunde, Familie und Geschäfte, bei denen sie gerne Einkaufen, ob sie nicht auch Permapartner werden möchten.

Werde Permapartner!

Einfach ein mail an maitso@tany.ch für die Details.

 

Weihnachten 2015

Mission Fianarantsoa erfolgreich gestartet. Andry, der neue Student und ich, wir sind letzte Woche Montag rausgefahren. Wir sollen dort eine Anpflanzung von Orangenbäumen beraten.

Das Flecken, welches wir vorfanden, ist echt fantastisch; Es ist wohl das kaputteste Stückchen im ganzen Tal. Trocken, hart, rund 80-90% Run-off Wasser. Dort einfach ein paar Fruchtbäume zu pflanzen würde keinen grossen Erfolg bringen. Das Team hatte angefangen, einen Kontur-Graben zu ziehen. Dabei wurde alles falsch gemacht, was falsch geht. Die Erde wurde  oberhalb deponiert, dass kein Wasser einfliessen kann, die Erde rutscht zurück in den Graben und im Niveau war er zweimal nicht. Diese rund 4 Meter Graben sollten als Beispiel dienen, wie es angelegt werden soll. Dieser Minigraben ist aber ein Beispiel für alles, was man falsch machen kann.

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Unser Hügel. Die braune Linie Markiert die obere Grenze, das Gelände geht bis kurz vor die Reisfelder unten. Das Dorf oberhalb liefert uns Gratis das abfliessende Regenwasser und alle Biomasse, die mitkommt.

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Trocken, hart. Unfruchtbar.

Die Löcher für die Wiederaufforstung, welche zuvor einmal geplant war, waren zum grossen Teil mit Erde gefüllt, sie sind wohl vor längerem entstanden und nun wieder zu-erodiert. Im aktuellen Zustand müsste jede Pflanzung über Jahre bewässert werden, dass benötigt Disziplin und führt zu hohen Verlustraten. Technisch gesehen würde das Projekt so scheitern, zumindest aber sehr schwer werden.

Soviel zu dem, was ich vorgefunden habe.

Da war aber noch was anderes: Sehr viele sehr gute Leute, die echt was machen wollen. Die lokale Bauernorganisation heisst VOI „Asa fa tsy kabary“ – was man mit „Schaffen und nicht reden“ übersetzen kann. Ich finde diesen Spruch sehr ansprechend.
Der Regionalpartner, VOI „Ala Madagascar“ ist ebenfalls cool, wie ich es bissher einschätze. Ihnen mangelt es aber an Fachwissen und an Kapital.

Was ich auch schon sagen kann, wir können aus dem Stück Land ein Erfolg machen. Wir können daraus das schönste Stück im ganzen Tal machen. Und wir haben gleich damit angefangen. Jugendlicher Übermut. Manchmal überkommt es mich einfach. Und gleichzeitig ist das wertvollste und teuerste was wir haben Zeit (meine, aber auch im Kampf mit der Abholzung). Diese sollten wir nutzen.
Frei nach dem Motto „Chrampfe und ned lawere“ haben wir, nach einem Tag Planung, in 3 Tagen den ersten Teil der Anlage realisiert. Ich habe damit mein Urlaubsbudget grösstenteils verschossen und meinen Urlaub etwas verkürzt. Den Leuten was theoretisch zu erklären ist relativ unmöglich, und so ist es stets das beste, wenn ihnen etwas handfestes hinzustellen. Sie können nun das System alleine weiterbauen und es entwickelt sich. Selbst wenn nichts mehr gemacht werden würde, das System würde von alleine Arbeiten.

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Dieser Swale (Horizontaler Sickergraben) fasst im Moment 40 000 Liter Wasser, das ergibt pro Jahr mind. 1 000 000 Liter Wasser, welches einsickert. Insgesamt werden wir 3 Solche Gräben haben. Dieser wird noch erweitert auf ein Fassungsvermögen von 100 000 Liter und kann dann im Jahr rund 25 Millionen Liter Wasser auffangen. Das Wasser kommt vom Regen. Swales ersetzen sie Funktion von gutem Humus und Waldboden, bis dieser wieder vorhanden ist.

 

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Oberhalb des Grabens liegen rund 2 Hektar Land, von welchem wir den Abfluss nutzen. Wir bekommen auch alles organische Material und die fortgespülte Erde. Dies ist eine Technik um Erosion sehr schnell zu stoppen.

Da sich die Sachen nun vor Ort entwickelt haben, gilt es zu sehen, ob du mit den Ereignissen vor Ort einverstanden bist und wie unsere Kooperation aussehen kann.

Nun aber von Vorne.

Zuersteinmal ein paar Worte zu Andry, dem neuen Studenten. Er ist sehr interessiert und hat einen guten Charakter. Er ist ein bisschen das verwöhnte Kind von reichen, arbeiten ist eine neue Sache für ihn. Er hat sich aber wacker geschlagen, als es ans Schaufeln ging. Er plant ein Stipendium in Japan oder in der Schweiz zu bekommen. Wir werden sehen, wieviel wir zusammen unternehmen. Auf jeden Fall konnte er eine Menge lernen – und ich auch! Er hat mir viel über Reisanbau und Fischzucht beigebracht.

Wir sind also am Montag zusammen nach Fianarantsoa gefahren. Dort haben wir am Dienstag Sahondra getroffen, sie ist interessant und scheint sehr engagiert. Sie hat uns ihre Arbeit vorgestellt und ich ihr die unsere. Sie ist sehr interessiert zusammen zu arbeiten, als Vorsitzende der VOI „Ala Madagaskar“ – VOI, das ist eine Vereinsform.
„Wann Anfangen?“ frage ich „Jetzt sofort!“. Typisch Malagassy. Und so sitzen wir 3 Stunden später im Taxi ins Zielgebiet.
Daniel, der Präsident der VOI „Asa fa tsy kabary“ ist ein aufrichtiger Schaffer und zusammen mit seiner Familie ein sehr guter Gastgeber. Ich stelle ihnen die Permakultur vor und biete an, dem Projekt technisch einen kleinen Facelift zu geben. Ich biete Consultation an und sage, Der Verein Priori aus Basel würde die Materialien beisteuern, im Gegenzug müssen sie dafür sorgen, dass die Sache klappt. Alles soweit OK, doch eines geht nicht. Sie können und wollen nicht einfach so arbeiten. Ich aber möchte nicht einfach so etwas geben. Ich finde es einen total falschen Ansatz, die Dinge einfach so zu verteilen. Ich finde, wir sollten handeln. So schlage ich ihnen etwas vor. Wir übernehmen auch die Gehälter und helfen so richtig, dass es ein Erfolg wird. Dafür teilen wir die Ernte. Die ganze Ernte soll der Entwicklung Madagaskars zugute kommen, abzüglich der Löhne der Leute, die es bewirtschaften. Es wird also ein kleiner Betrieb, der Ernte abwirft. Der Schlüssel ist 30/30/30/10. Zehn Prozent für die Grundschule des Ortes und jeweils dreissig für VOI „Ala Madagaskar“ (Sahondra), VOI „Asa fa tsy kabary“ und uns. Die Mittel sollen in Total für die Verbreitung der Permakultur eingesetzt werden, entweder für den Aufbau von Schulungszentren (aber nicht sie laufenden Kosten), oder für direkte Unterstützung von Bauern um ihre Farm umzustellen. Das ist das Programm Permapartner, wir arbeiten gerade an den Details.
Dieses Programm ist bereits begonnen in Menalamba und wir können es hier genauso machen. Bauern werden für 3 Jahre unterstützt. Ab dem zweiten Jahr müssen sie für 5 Jahre 30 % der Ernte abliefern und für 2 Jahre den nächsten Bauern als Lehrer und Berater zur Seite stehen. So entfaltet sich ein Schneeballsystem, Madagassen helfen Madagassen, die Abhängigkeit von externen Geldern wird kleiner. Gleichzeitig können sie ihre Köpfe heben und sagen „wir haben es selbst gemacht!“.

Sie willigen ein und so fangen wir an zu bauen. Mein Urlaub wird kleiner, die Sonne knallt auf uns hernieder, mein Urlaubsbudget wird kleiner, wir singen und lachen, die Terrasse und die Gräben Wachsen. Andry hat Rückenschmerzen. Wir essen und arbeiten zusammen, werden zusammen dreckig und schwitzen zusammen in tropischer Hitze. Immer wieder erkläre ich die Funktionen der Anlage. Abends machen wir eine kleine Unterrichtsstunde. Einer der Jungs ist sehr interessiert, intelligent und wissbegierig. Seine Familie hatte kein Geld mehr für sein Studium, so musste er abbrechen. Ein neuer Student für uns?

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Vorne rechts Jean Noel, besagter möglicher neuer Student. Sie Schaufeln was das Zeug hält. Wir bauen Swales (horizintale Sickergräben) und Terrassen. Damit können wir das Land reanimieren und neu beleben!

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Viel Erde wird bewegt.

Vielleicht. Auf jeden Fall brauchen wir so schnell wie möglich gute Designer, die meine Arbeit tun können. Das wäre ein super Boost. Nun aber bleiben wir mal hierbei, sie haben die Mittel um 10 Wochen zu arbeiten, alle Werkzeuge und Saatgut. Im April werde ich sie wieder besuchen gehen.

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In einer Nacht regnet es. Wir fangen das erste Wasser auf. Mission accomplished!

Jetzt schwinge ich mich auf das Rad und Fahre nach Ranomafana, dass heisst heisses Wasser und ist ein Thermalort. Dort gibt es auch einen Nationalpark

Ranomafana – Was für Affen sind wir?

es regnet gleich nachdem ich losfahre, die fahrt ist also etwas kühl, angenehm, teilweise bergig, ich komme aber gut vorran. Das gleiche Bild wie überall. Erosion, zerstörte Landschaft, Felder von bauern, die mit Viel Mühe versuchen, dem Land eine Ernte abzuringen. „Im Schweisse ihre Angesichts“.
Dann komme ich zum Wald. Ich atme auf. Gesunde landschaft. Gute Luft. Bäume. Grün. Ein Klarer Fluss, klare Bäche, eine spektakuläre Schlucht. Gewalten der Natur. Schönheit, Ästhetik. Wenn es Gott noch gibt, dann wohnt er hier.

Angekommen am Gästehaus nehme ich eine heisse Dusche aus dem typischen madagassischen Eimer. Ich esse etwas und lerne dann ein paar Amerikaner kennen. Sie laden mich ein, sie in den Wald zu begleiten.
So geht’s in den Wald, etwa 7 Stunden Marsch bis zum Camp. Wir werden übernachten. Zuerst aber fangen wir Krebse, geniessen die Natur, Baden in herrlichem Wasser, duschen um Wasserfall. Wir reden mit Forschern, es ist ein Forschungscamp. Es ist etwas ernüchternd. Trotz aller Schönheit. Alles hier ist unter grösster Gefahr. Die letzten Wäder verschwinden. Arten sterben aus. Eine der Lemurenarten die wir sehen wird verschwinden, es ist der letzte Papa mit seiner Tochter. Reproduktion unmöglich. Es ist das erste mal, dass ich meinen Fuss in einen Naturwald setze, zum ersten mal in meinem leben. Sonst war ich immer in den zerstörten Landschaften. Immer auf der Suche nach Lösung, im versuch die Menschen zu stoppen. „Der Wald braucht mich nicht, er wächst  auch ohne mich“ hatte ich immer geantwortet, wenn die Leute danach fragten, warum ich nicht in den Wald gehe. Nun aber merke ich etwas. Ich brauche den Wald. Um Energie zu tanken, Mut und Kraft. Um die Natur besser zu verstehen. Um Muster zu sehen, wie die Natur arbeitet. Pilze, Moose, Pflanzen. Alles lebt zusammen. Die Makis hängen gemütlich rum und knabbern Bambus und Früchte. So waren wir auch einmal. Bevor wir die Arbeit erfunden haben.

Die Landwirtschaft ist für 85% der Umweltzerstörung verantwortlich. Der einzige Weg, wieder im Einklang mit der Natur zu leben, der einzige Weg, das Leben auf Planet Erde zu retten. Der einzige Weg als Menschheit zu überleben, und hoffentlich viele dieser tollen Lebewesen hier, ist es unsere Art Essen zu kultivieren zu ändern. Und vielleicht auch das wie und das was wir essen.

Der Wald ist inspirierend. Schön. Ruhig. Frieden. Kooperation. Alles hängt über die Pilze zussammen. Die eine Wissenschaftlerin erzählt mir von neuesten Erkenntnissen. Birken und Föhren tauschen Zucker aus über die Pilze im Boden, im Sommer geben die Birken den Föhren Zucker, im Winter geht es anders herum. Alles hängt zusammen, alles arbeitet zusammen. Wir sind so blind. Seit jahrtausenden hacken wir, brennen wir, Pflügen wir, spritzen wir, Ackern wir… Arbeiten wir. Arbeit. So ein Blödsinn. Keiner hier im Wald arbeitet. Alles lebt, und alles Leben hat eine sinnvolle Funktion. „Im Schweisse deines Angesichts…“ aus dem Paradiese wurden wir wohl vertrieben, weil wir uns selbst vertrieben haben. Wir haben unsere Funktion im Ökosystem verloren, ernähren und küsntlich, gekocht, von Nahrung, die eigentlich garnicht die unsere ist. Dabei haben wir das Ökosystem zerstört, um unsere künstliche Welt zu schaffen. Felder. Dörfer. Städte.

Alles wird so klar hier, ich sehe die gemütlichen Affen, und wie sie auch mal sehr aktiv werden. Sie hüpfen durch den Wald. Sehen glücklich aus.

Was machen wir genossen? Zu was für Affen haben wir uns entwickelt?

Aktueller Lagebericht von der Permakulturstation Andasibe
Dezember 2015

In den letzten 12 Monaten haben wir Anstrengungen angestellt, um herauszufinden, wie man die Permakultur an der Ostküste Madagaskars implementieren kann, um der Brandrodung, und damit der Abholzung, der Erosion und der Armut ein Ende setzen kann. Hier ist ein Zwischenbericht:

technischer Zwischenbericht 2015

Schule fertig

Ein Gedankengang vom 11.12.2015

Entwicklungshilfe? Zusammenarbeit? Wissenaustausch?

Bei uns in Maromahatsinjo ist die Wasserpumpe kaputt. Ich öffne das Gehäuse und schaue nach. Das Gewinde ist ausgebrochen, man muss ein neues einschneiden. Mit dem richtigen Werkzeug dauert das etwa 15 Minuten, Aufwand mit Aus- und Einbau gesamt rund 60 Minuten.

Das ganze Dorf geht aber jeden Tag zu den Reisfeldern runter um dort Wasser zu holen. Es ist schmutzig. Keiner kann die Pumpe reparieren. Sie können nicht einmal das Gehäuse öffnen, dazu habe nur ich das Werkzeug.

Die Pumpe wurde von einer Entwicklungshilfe-Organisation gebaut. Sie kommt nicht zum reparieren. Es ist das klassische Beispiel. Sooft habe ich das gehört „da geben wir ihnen Maschinen und Traktoren und einen Generator und soviele tolle sachen, und die lassen es einfach verkommen.“

Aber mal ehrlich. Machen die Dorfbewohner das absichtlich?
Ich glaube nicht. Eigentlich mögen sie ihre Pumpe…

Nun trinken sie schmutziges Wasser!  Warum aber?

Mal eine andere Sache… wenn man den Europäern die Pumpe wegnehmen würde, dann würden sie eine neue bauen. Sie aber lassen sie kaputtgehen, selbst wenn man ihnen eine schenkt.

Was ist der Unterschied zwischen uns? Ich glaube es ist der Geist. Wir haben die Pumpe im Geist. Sie nicht. Wir haben Jahrtausende der Geistesentwicklung, die jedem von uns seit Kind her eingeprägt wird. Sie nicht. Die Pumpe ist nicht einfach nur eine Pumpe. Sie ist viel Geist. Und diesen muss man eben mitgeben – Was nicht ganz einfach ist.

Wenn wir nun von Entwicklungshilfe sprechen, was eigentlich ein doofer Begriff ist, oder von Entwicklungsarbeit oder einfach von kulturellem Austausch, so muss man dies bedenken. Wenn man Ihnen eine Maschine gibt, sie aber nicht den Geist haben, dann kann das nicht lange gutgehen.

Und so arbeiten wir „from the scratch“, machen ganz einfache Sachen und bauen dann langsam darauf auf. Warum nicht zuerst einfache Mechaniken bauen, dass sie es sehen können? Warum nicht zuerst Philosophie, Logik und kultureller Austausch?

Und da sind wir nun angekommen. Ein ganzheitlicher Austausch. Wir lernen von Ihnen und entwicklen unser Wesen weiter, sie können von uns lernen. Auf gärtnerischer Ebene läuft es schon, sie können langsam in die Sache reinwachsen. Erleben, spüren. So langsam verstehen sie, was das mit den Wassergräben auf sich hat. Das mit dem Mulch ist bei ihnen angekommen, den Kompost haben sie verstanden und das mit Jäten geht auch immer besser. Sie werden geistig mit den Systemen mitwachsen. Und so wollen wir es mit allem machen. Mit dem Hausbau, mit der Mechanik. So können sie langsam, aber nachhaltig die neuen Techniken und Methoden verinnerlichen. Und auch irgendwann eine Pumpe reparieren.

Bis dahin verwenden wir Regenwasser das wir sammeln, schon das ist für sie ein grosser Schritt. Die Küche sauber halten. Auf die Dinge aufpassen. Wenige Dinge, und ganz langsam den Wohlstand erreichen. Wenn sie es geistig verstehen können, können sie es praktisch umsetzen. Sie werden es ihren Kindern weiter geben, vielleicht sogar selbst weiter entwickeln und auf ihre Bedürfnisse anpassen. Es geht nicht darum ihnen alles hinterher zu werfen, weil sie ja so „arm“ sind. Sie sind garnicht so arm. Es geht um einen Austausch. Wir teilen unseren rationalen technischen Geist, sie ihre Herzlichkeit und Gelassenheit. Es geht um Geistesentwicklung. Der praktische Teil ist dagegen eher ein Kinderspiel.

„Afrika ist technisch hundertmal gelöst, nicht aber menschlich!“
Franz Stadelmann

Eine kleine Weihnachtsgeschichte : : 13.12.2015

Eigentlich will ich ja Urlaub machen. Davor muss ich noch kurz ein bisschen was in Tana erledigen, meine neuen Studenten einsammeln und dann auf nach Fianarantsoa gehen, um ein Projekt zu beraten. Dies habe ich mit 2 Wochen veranschlagt, um dann endlich etwas auszuspannen. Der Job ist anstrengend, egal wie sehr ich es liebe an der positiven Zukunft der Menschheit zu werkeln. Die letzten Tage habe ich noch alles daran gesetzt, das Waldstück zu retten,  wir haben mit den lokalen Führern gesprochen, den Verkäufer gefunden und wissen, wer den Wald abholzen wird. Dummerweise ist es ein Vahiny, einer von weiter weg, der es als reines Geschäft betreibt. Den kann ich nicht in unser Programm aufnehmen, und somit bin ich erstmal machtlos. Theoretisch könnten wir die Polizei rufen, denn es ist höchst illegal. Praktisch können wir das wohl eher vergessen. Erstens riskieren wir uns damit, uns unnötige Feinde zu machen, und zweitens funktioniert das juristische System nicht. So überlasse ich es Freunden, den Geschäftsmann aufzusuchen und mit ihm zu reden. Mehr kann ich für den Moment leider nicht tun.

Ich bin also nun in Tana angekommen, bereit, es etwas ruhiger werden zu lassen. Eine Freundin kommt zu Besuch und wir reden ein bisschen. Sie müsste dringend nach Hause, meint sie dann bald. „Warum?“ – „Mein Kind ist krank…“ meint sie. Ich fange an zu bohren, denn seit ich sie kenne hat sie nichts davon erzählt. „Er hat husten, und Eisenmangel… und Drepanocytose…“ Mein französisch ist ja ganz ok, aber manchmal mangelt es an Fachbegriffen. Ich schlage also in Google nach und finde heraus, dass es sich um die Sichelzellenanämie handelt. Das ist eine Erbkrankheit, die schon sehr früh zum Tod führen kann. Gerade vor zwei Wochen hatte ich einen Arzt kennen gelernt und wir hatten es kurz davon. Etwas beunruhigt grabe ich weiter. Er sei schon zweimal im Krankenhaus gewesen, hatte sie gemeint. Blutransfusionen, Medikamente, Tests. Er habe seit einer Woche nichts mehr gegessen. Ich begreife den Ernst der Lage und beschliesse etwas zu tun. Normalerweise gehört Nothilfe nicht zu unserem Programm, denn wir wollen unsere Kräfte auf nachhaltige Entwicklungsarbeit bündeln. Also Bildung, Infrastruktur und ökonomisch tragfähige Betriebe. Hier aber sagt mir mein Herz, eine Ausnahme zu machen, denn: „Die Ärztin hat gesagt, mein Kind wird sterben“. Ich will zumindest mal sehen was los ist.

Ich gehe also mit ihr zum Markt und kaufe jede Menge Früchte, Grünzeug und Hustensaft aus der Naturapotheke. Damit ausgestattet suchen wir uns den Weg zu ihrer Wohnung, es liegt in einem Randbezirk der Stadt. Ich fange mit der Anamnese an, das ist die Krankheitsgeschichte. Der kleine, Chaiman sein Name, ist 21 Monate alt. Seinen Vater kannte sie seit sie 10 Jahre alt war, doch schon während der Schwangerschaft hat er sich aus dem Staub gemacht. So hat sie bei ihrer grossen Schwester gelebt. Die Geburt fand im Krankenhaus Stadt, dann hat sie ein Jahr bei der Schwester gelebt. Dort gab es wohl einigermasen ausreichend Nahrung. Wirklich genug war es aber nie. Sie leidet wohl selbst schon seit Jahren an einer Mangelernährung. Sie hat 5 Geschwister, und so leben sie zu acht unter einem Dach. Geld ist eher eine unregelmässige Erscheinung. 21 mal in der Woche Reis, vielleicht auch nur 14 mal, aber auf jeden Fall nur 5 mal etwas anderes – und das wenig.

Sie alle sind unterernährt. Und so ist es das Kind.

Sie leben in einer Wohnung welche sie in der Nacht komplett verschliessen müssen, weil es viele Diebe gibt. Dazu kochen sie in der Wohnung mit einem Kohleofen. Sie leben in einer Kiste und verseuchen diese mit Kohlerauch. Eine fiese Kombination und das letzte für die Lunge. Wir essen zusammen, die anderen Reis, Rita und ich Salat. Dann muss ich bleiben, denn in der Nacht kann ich nicht zum Hotel zurück gehen. Der kleine hustet die ganze Nacht, es ist die Hölle. Er schreit, die Oma nimmt ihn, dann der Papa, dann wieder Rita, die Mama. Ich fange selbst an zu husten, die meisten anderen haben sich scheinbar daran gewöhnt. Auch so zeichnet sich Armut aus. Ich kann nicht schlafen und studiere mit meinem Smartphone alles was ich im Internet finden kann. Drepanocytose – Sichelzellenanämie. Eine Krankheit welche sich vor allem in Malariagebieten durchsetzt, da sie in der abgeschwächten Form gegen dieselbe schützt. Diese genetische Krankheit, ist sie nur auf einem der beiden Chromosome, bricht nur bei starkem Sauerstoffmangel auf. Dann aber kann es auch tödlich sein. Bekommt ein Kind beide Chromosome mit dem Sichelzellengen, dann ist es sehr leidvoll und sehr oft tödlich. Ich studiere die Testergebnisse, welche vorliegen. Eisenmangel, das ist klar, und einen Test, den ich nicht verstehe. Der definitive Test der Zellen durch ein Mikroskop liegt mir hier nicht vor. Die Symptome, die ich beobachte könnten auch ohne den Gendefekt auftreten, egal ob die Diagnose richtig ist oder nicht, das Kind muss hier raus. Ich überlege also, wohin ich sie lotsen kann, kaufe der Familie Reis und Bohnen für die Woche und nehme Rita und das Kind mit ins Hotel. Der kleine kann dort atmen und wir sehen, was passiert. Ich füttere sie brav mit allem was Vitamine, Eisen und Mineralien hat. In der ersten Nacht wacht er einmal auf und weint eine Stunde. Er hustet recht viel. In der zweiten Nacht schläft er schon durch. Sein Husten lässt nach. Am Tag ist er aktiv, er beginnt zu lachen und man sieht, dass er damit gesund werden kann. Noch immer weis ich nicht, was er genau hat, so gehe ich zu der Ärztin und versuche heraus zu finden, ob sie den Test gemacht hat. Sie ist nicht da, aber die Sekretärin. Sie gibt mir die Akte, darin findet sich genau ein Zettel; „Test de Falciformation – positif“ Er hat die Krankheit also. Und ich bin langsam mit Gefühlen und Kräften am Ende. Ich diskutiere auf einer Seite mit Rita, dass sie umziehen muss, und mit Tody in Andasibe, ob sie mir helfen kann, das Kind über die nächsten 8 Wochen zu bekommen. Beide Seiten machen Probleme, Tody hat berechtigte Bedenken, Rita ist nicht wohl, alleine dorthin zu gehen. Kann ich verstehen, andererseits aber auch nicht. Denn dies wäre ihre Chance. Ich breche in Tränen aus, denn ich stelle mir vor, wie der kleine wieder in die Kiste kommt und sich vor schmerzen windet. Ich leide selbst an chronischen Schmerzen. Ich kann es verstehen. Es ist einfach alles zuviel. Den ganzen Tag unterwegs, wo ich eigentlich locker machen wollte. Und dann das. Zum Glück habe ich Freunde hier, die mit denen ich reden kann.
Tody ist bereit mir zu helfen, nachdem eine Freundin mit ihr geredet hat. Es stärkt unsere Freundschaft enorm, nach all der Diskussion fühle ich mich ihr viel Näher als je zuvor. Das ist cool. Gilt unsere Arbeit ja der Teamentwicklung und dem Zugewinn von Vertrauen.

Am nächsten Morgen gehe ich die Tests nochmals alle durch. Es wurde alles richtig gemacht. Der Bub ist Träger der Sichelzellenanämie, er kann also ein normales Leben führen. Der Husten kommt von der beschissenen Luft in der Wohnung und in Tana, das führt gleichzeitig zu einem Sauerstoffmangel welcher die Anämie verstärkt. Diese ist der Hauptgrund für das ausbrechen der Sichelzellenkrankheit und der ersten Trombose an den Füssen. Passiert dies im Herz oder im Hirn oder an einem anderen wichtigen Organ, dann stirbt der Bub.

Isst er aber gesund, und die stillende Mama auch, und bekommt er gute Luft, dann ist alles in Butter. Ich erkläre ihr alles und biete ihr an, dass sie in Andasibe einen Platz bekommen kann und beide dort gesund werden können bis ich zurück komme um einen richtigen Platz und einen vernünftigen Job für sie zu finden. Sie sagt, sie möchte überlegen – und lehnt ab.

So kann es gehen mit dem Helfen wollen. Zusätzlich zu dem Problem der Geistesentwicklung kommt das menschliche. Selbst wenn der Mutter ihre Situation gravierend ist und sie keinen Ausweg kennt. Sie bleibt lieber bei der Familie und riskiert die Gesundheit von sich und ihrem Kind als ins kalte Wasser zu springen. Ich kann im Moment nicht mehr tun als noch die nächste Monatsmiete zu bezahlen, dass die Familie nicht rausgeschmissen wird, und sie ihrem Schicksal überlassen. Ich kaufe noch ein paar Linsen, denn diese haben viel Eisen, und erkläre ihr das Sprossen. Linsensprossen sind das günstigste Gemüse, dass es gibt. Ob sie es tun wird, ich weis es nicht. Und wieder einmal ist es der Geist. Und ich werde mir die Zeit nehmen, um heraus zu finden, woran es gescheitert ist. Ich habe sicher viele Fehler gemacht. Diese möchte ich heraus finden.

Naja, eine Gute Sache hat das alles aber. Der kleine ist fürs erste Wohlauf und die Mama weis, wie sie Chaiman gesund halten kann. Ob sie es tut…?

Einen frohen 3 Advent euch allen!

17.11.2015

„Gott lebt im Wald, und er kommt nicht zu den Menschen, weil sie den Wald abbrennen. Er hat Angst vor den Menschen.“

So erkläre ich den Menschen hier, dass der Wald wertvoll ist. Naja, das ist ein netter Spruch nebenher, was zählt, das sind ökonomische Fakten. Und diese fangen an, real zu werden. Ich hatte keine Ahnung, was mich im Herbst 2015 hier erwarten wird. Und ich wurde sehr positiv überrascht. Es ist ein guter Start, und gleichzeitig kommen neue, sehr grosse Herausforderungen auf uns zu. Ich sehe viele Brandrodungen, wo letztes Jahr noch Naturwald stand, und die Tavy (Brandrodungen) sind enorm. Es lohnt sich aber auf den Sattel zu steigen, hinaus zu reiten und die Herausforderungen anzunehmen. Wir haben reale Chancen, die Buschfeuer zu beenden. Packen wir es an!

Grosse Brandrodung

Grosse Brandrodung

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Hier steht Trockenreis, Bohnen und Mais. In einem Jahr ist alles wieder vom Unkraut überwachsen. Die Stämme werden zu Brennholz. Es ist extrem Arbeitsintensiv.

So, nun aber die Geschichte von vorne erzählt:
„Dritte Welt“

Sie beginnt mit meiner Landung in Madagaskar am 2. November 2015 damit, dass ich mir vor lauter Dummheit einen Zahn abgebrochen habe und gezwungen bin, etwas in der Hauptstadt zu bleiben und nach einem guten Zahnarzt Ausschau zu halten. Ich nutze die Zeit, Einkäufe zu machen, fein Essen zu gehen und etwas die Seele baumeln zu lassen. Ankommen, die ersten Gespräche auf Malagassy üben, ankommen, mich an die Armut gewöhnen. Ich mag es hier, ich habe meine weniger guten Erlebnisse vom letzten Einsatz verarbeitet und bin hoch motiviert, weiter zu machen. Die „dritte Welt“ hat ihre Reize. Es ist auch Welt, und es ist nicht alles schlechter. Nein, vieles ist besser und angenehmer als in der „reichen Welt“. Natürlich auch, weil ich ein Reicher bin in der armen Welt.

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Auf nach Andasibe

Am 6. Dezember fahre ich nach Andasibe, dem Dorf neben Menalamba, unserem Zielgebiet. Ich werde von Vielen mit offenen Armen empfangen, und teilweise mit etwas Vorsicht. Auch freue ich mich, einige sehr angenehme junge Bleichgesichter zu treffen, meinen Bruder im Herzen und zwei junge Volontärinnen. Wir können gemeinsam Malagassy büffeln und Deutsch reden.
Meine madagassische Familie hier, die sich um die Permakultur-Station kümmert, stellt sich wirklich als 100% vertrauenswürdig heraus, was sehr, sehr wertvoll ist hier. All unser Material ist da, das Fahrrad muss ich nur aufpumpen und kann losfahren. Hier kann ich also weitermachen, wo ich letztes Mal aufgehört habe. Mama Busi, sie muss ich einfach erwähnen, ist die grosse Mama meiner Familie und herzerfreut mich wiederzusehen. Sie nimmt mich sogar in den Arm; Dies ist hier nicht sehr üblich. Sie quasselt mich gleich auf Malagassy zu, ich verstehe nur die Hälfte und freue mich riesig auf die Malagassy-Schule von Mama Busi.

Meine alten Partner vor Ort sind argwöhnisch, es liegen Probleme in der Luft. Hier gibt es noch zu tun. Ich warte aber damit. Ich muss zuerst sehen, wie es draussen in Menalamba aussieht. Ich habe nie eine offizielle Erklärung von meinen Partnern bekommen, und so sind wir im Prinzip noch „Freunde“. Ich würde dies gerne wieder aufnehmen und die Missverständnisse aus der Vergangenheit aufräumen. Auch das gehört zu der Arbeit. Es ist eine Kombination aus Politik, Kultur, Ökonomie, Pädagogik, der praktischen Arbeit draussen im Feld und jeder Menge Witze und Lachen. Das gehört sich hier so.

Das Internetcafé im Dorf gehört Mamy, einem aufrichtigen Typen, er hatte sich zur letzten Bürgermeisterwahl aufgestellt. Er ist sehr beliebt bei den Menschen, vor allem bei den Jungen, welche in der Überzahl sind. Er wurde bei der Wahl auf mieseste Art sabotiert. Viele junge Leute wurden von der Wählerliste gestrichen und die Wahl wurde gefälscht. Auch wenn mir keine Beweise vorliegen, die juristisch halten, ist es doch ein offensichtlicher Fakt. Juristerei ist hier aber sowieso etwas anderes als in Europa: Nachdem er versucht hatte Berufung einzulegen, wurde sein Geschäft stark geschädigt. Viel von seinem Computer-Material (er betreibt ein Internetcafé) wurde auf dubiose Weise konfisziert. So stehe ich nun in einem leeren Raum.
Der Raum ist frisch gestrichen, gerade nageln sie die Tische zusammen, in drei Tagen soll Eröffnung sein. Am Sonntag helfen wir Bleichgesichter mit, den Laden fertig zu machen. Ich stabilisiere die Tische, damit sie dann auch halten, und fege den Laden. Die Mädels übernehmen dann die Dekoration. Der Laden wird viel schöner als vorher.

Das leere Internetcafé

Das leere Internetcafé

„Warum fallen wir?“ frage ich Mamy: „Damit wir wieder aufstehen!“

Es ist schön hier zu sein und so langsam gibt es zu den Menschen vor Ort eine Beziehung, die man wohl authentisch nennen kann.

Endlich fahre ich raus in den Busch nach Menalamba, mit meinem frisch aufgepumpten Fahrrad, viel Motivation und keinerlei Erwartung. Da bisher quasi alle Projekte in Menalamba gescheitert sind, brauche ich mir keine grossen Hoffnungen zu machen. Ich habe nur kleines Gepäck dabei, so rolle ich flott in den Busch. In diesem kleinen Gepäck sind mehrere Voandalana, Mitbringsel, die ich unseren Jungs und unserem Mädel mitbringe. Mal sehen, was mich erwartet.

Neunter bis zwölfter November.
Hody Aho, ich komme nach Hause

Um die letzte Ecke gebogen fahre ich auf den Weg, welcher an dem grossen Feuchtgebiet vorbeizieht. Ein komisches Gefühl überkommt mich, es ist wie nach Hause zu kommen. Unterwegs sehe ich jede Menge Tavy, Brandrodungen, auch einige Stellen, an denen letztes Jahr noch Naturwald stand. Ich bin hier nicht grundlos. Mit gemischten Gefühlen erreiche ich unseren kleinen Hügel und siehe da, das erste Gesicht, welches mich anlacht, ist Mama-Be. Sie hat solch eine reine Seele, dass ihre Augen strahlen wie die eines Engels. Gleiches gilt für ihre Enkelin. So beglückt strample ich den steilen Anstieg hoch und erreiche mein Zuhause im Busch. Die Station hat es überlebt. So könnte man es sagen. Es muss zwischendrin ein saumässiges Chaos gewesen sein, Unordnung und Leute, die kamen und Werkzeug sowie Material „mal kurz ausleihen“. Einiges ist nicht wieder gekommen. Im einen Zaun ist ein grosses Loch, zum Früchte stehlen und den einen und anderen Baum aus unsere Baumschule auch. Hühner flattern im Garten umher. Das ist alles nicht so cool, verhältnismässig aber völlig im Rahmen. Kommen wir zum Positiven. Die Solaranlage ist noch da. Ebenso etwa 70% von unserem Material. Und das Team! Rivo und Kalitha haben die Zeit ohne mich durchgestanden, gegen alle Ressentiments und politischen Intrigen. Sie haben fleissig die Gärten bepflanzt und ernten. Ich sehe Salate, Kohl, Karotten, Bohnen, Mais, Tomaten. Die meisten Bäume welche wir gepflanzt hatten, sind kräftig am Wachsen. Der Neembaum, welcher am Eingang steht, ist über 3 Meter hoch, nach nur neun Monaten. Als ich gegangen war hatte er keine 60 Zentimeter. Der Schulgarten sieht richtig gut aus, auch hier finde ich jede Menge Essbares, sie ernten bereits für die Schulkantine.

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Der Schulgarten und die Schulkantine

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Der Schulhof. Alles steht noch, die Kinder haben ihr neues Umfeld gut angenommen.

Im Schulhof

Im Schulhof, auch die Treppe hat sich als stabil erwiesen. Die Kinder rennen gerne nebenan hoch 🙂

Die Wasserretentionsanlage ist voll funktionsfähig, keine Erosionsschäden. Wir sammeln also brav Wasser; Millionen von Litern, die bereits im Erdreich versickert sind, anstatt sich mit der guten Erde in Richtung Meer aufzumachen.
Todisoa, unsere Koordinatorin vor Ort, hat einen sehr guten Job gemacht. Sie hat den beiden Mut gemacht und ihnen den Rücken gestärkt. Die paar fehlenden Werkzeuge sind mir nun völlig egal im Verhältnis dazu, was wir auf menschlicher Ebene gewonnen haben. Ja, wir sind ein Team, wir vertrauen uns. Das ist hier sehr aussergewöhnlich, denn eines der grössten Entwicklungshemmnisse hier, wenn nicht DAS grösste, ist das Misstrauen und der stete Betrug unter den Menschen. Wir halten zusammen, wir arbeiten zusammen. Der Samen hat guten Boden gefunden, hat begonnen zu Wurzeln und beginnt nun zu wachsen. Nun heisst es, wachsam sein, giessen und schneiden, damit aus dem zarten Pflänzchen ein grosser starker Baum werden kann.

Unsere Ladestation für Handys und Batterien. Alles noch da!

Unsere Ladestation für Handys und Batterien. Alles noch da!

Rivo hat mich angeschaut und meinte „Mitaotra Lukas, zita outile bedabe!“ „Angst Lukas, weg Werkzeuge viel.“ „Du musst keine Angst haben, wir sind nun ein Team, ich vertraue dir!“. Irgendwie war es berührend, und süss. Nein, ich bestrafe ihn sicher nicht, ich bin stolz, dass er es gepackt hat, dass er die Arbeit auf der Permakultur-Station fortgeführt hat. Er ist hoch motiviert und möchte unbedingt mehr lernen. Und bekommt als kleines Geschenk einen MP3-Player mit Kopfhörer. Kopfnickend macht er sich wieder an die Arbeit.

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Rivo beim mulchen

Kalithy hat den Kopf im Himmel, wie man so schön sagt. Sie ist grade Achtzehn geworden. Ein Waisenkind, die Oma wohnt „Livitra be – weit weg“ (das sind etwa 10 Kilometer). Sie ist ein „Schludri“, Chaoskind, fast immer dreckig. Arbeiten kann sie, tut es aber nicht so oft. Ich finde sie hat was Künstlerisches. Und ist auch einfach etwas orientierungslos. Waisenkind im Busch.

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Kalithy!

Sie hat eine reine Seele, lacht gerne und viel, hat ein bezauberndes Lächeln. Sie ist frech und gleichzeitig ultralieb. War das der Grund, warum ich sie gewählt hatte? Es gab so viele Bewerberinnen. Und ich wusste nicht, dass sie ein Waisenkind ist. Aber ich bereue diese Entscheidung nicht. Denn ich weiss, sie wird es lernen. Wir werden sie bei der Hand nehmen; Ordnung und ein bisschen Disziplin kann man einfach lernen, Charakter und Aufrichtigkeit dagegen nicht. Die Arbeiten sind ja sowieso recht simpel, und nicht überfordernd. Ein Europäer könnte die Zwei mit einer 20% Stelle ersetzen. Es geht hier aber nicht um Produktivität. Dafür sorgt die Sonne, der Wind und der Regenwurm. Hier geht es darum, die menschlichen Probleme zu lösen. Und ja, es geht darum, die Waldbrände zu beenden, Wohlstand zu schaffen und jede Menge Vokatra zu erhalten: Ernte. Und dafür braucht es ein gutes Team, viel Vertrauen. Das ist wichtiger als das bisschen Chaos.
Ich gehe zu Dinat, einem unserer Studenten, welche bei sich ihre Farm auf Permakultur-Landwirtschaft umstellen. Er war so richtig fleissig. Er hat gut 70 Meter Hang terrassiert, auf etwa 30 Meter Breite. Dort wachsen allerlei Gemüse, Bananen, Bohnen, Erbsen, Maniok. Die meiste Fläche ist aber noch frei. Die erste Ernte hat er aber schon eingetragen (es hier gibt kein Gefährt 🙂
Es gibt kaum Unkraut (wilde Pionierpflanzen), er versteht was von seinem Handwerk. Ich zeige ihm noch, wie man Schnürligras entfernt, und damit hat es sich. Die Anlage ist bereit, neu besät zu werden. Nach seiner Aussage gibt es einen Wasserabfluss. Ich glaube es noch nicht ganz, es kann aber durchaus sein. Damit hätten wir die Erosion gestoppt. Auch muss er nie wieder Wald abbrennen. Denn die Wildkräuter sind unter Kontrolle. Wir ersetzen die Sukzession (Pflanzenabfolge) der Wildpflanzen mit einer Sukzession von Nutzpflanzen. Mais, Bohnen, Kürbis, Reis, Maniok, Erdnüsse, Reis und dergleichen mehr. Gleichzeitig pflanzen wir vieljährige Pflanzen. Bananen, Fruchtbäume, Stickstoff-Sammler und Bodendecker wie Erdbeeren, Minze und Süsskartoffeln. Nicht lange, und hier steht ein kleines Paradies, überquellend vor Fruchtbarkeit und Ernte. Ich bin sehr zufrieden. Er bekommt sein Voandalana, sein Willkommens-Geschenk. Ein Paar gute Schuhe.

Am nächsten Tag gehen wir zu den alten kaputten Bungalows, sie wurden teilweise wieder in Stand gesetzt. Dort werkeln jetzt Frauen aus der Region, die Weben und Flechten, Taschen, Deckchen und Hüte für Touristen. Es ist Eröffnungstag; Kalithy sieht toll aus, frisch gewaschen mit ihrer neuen Seife, und stolz in ihren neuen Schuhen.

Der nächste Besuch zählt Ramseh Donet, dem alten Diktator, unserem alten Erzfeind und Nachbarn. Seine Lungenkrankheit wurde nur unmerklich besser. Mein Voandalana für ihn ist Tigerbalsam, das fand er letztes Jahr super und so habe ich ihm neues mitgebracht. Seine Freude ist ehrlich und ich hoffe, wir können unsere alten Differenzen bald gänzlich begraben. Sein Sohn, Lalaina, war ja stets ein Student und Mitarbeiter von uns. Und heute ist er einer der drei Pionierfarmer. Er hat auch fleissig Terrassen gebaut, eine ähnliche Fläche wie bei Dinat. Die Ausführung ist aber lange nicht so gut wie bei Dinat. Die Terrassen sind zu kurz, und auch deshalb gibt es viel Unkraut. Etwas lieblos wirkt die Anlage, und die Terassen sind sie auch nicht wirklich alle gerade gebaut. Dafür ist alles bepflanzt, es gibt jede Menge Zuchetti, die schon reif sind. Überall keimen Kürbisse, weitere Zuchetti und Gurken. Mais, Bohnen und anderes. Desweiteren hat er jede Menge Kaffee und Fruchtbäume gepflanzt. Die technischen Details können wir verbessern, er hat noch jede Menge Land, das zu Terrassen umgebaut werden kann. Er hat den Willen gezeigt zu arbeiten, er pflanzt, er kümmert sich. Er wird seine Technik verbessern lernen und ein guter Permakultur-Designer werden. Er ist zudem ein guter Arbeitsführer, das wissen wir noch vom Schulgartenbau. Vielleicht wird er eines Tages eigene Projekte anleiten und eigene Schüler haben. Sein Vertrag wird ebenfalls verlängert und er bekommt als Geschenk einen Fussball. Das ist der Hit für das ganze Dorf!

Der Stand der Dinge macht mich sehr zufrieden, ich spüre sogar so etwas wie einen Funken Hoffnung, dass unser kleines Projekt tatsächlich funktionieren könnte. Wenn die Bauern auf der Terrassenlandschaft arbeiten und lernen die Wildpflanzen (Unkräuter) unter Kontrolle zu bekommen, dann müssen sie weniger arbeiten, keine Brandrodung mehr betreiben, können auf dem immer gleichen Land bleiben und werden reiche Ernten geniessen. Das reduziert den Landbedarf ums Drei- bis Fünffache!
Da das Wasser der oft starken Regengüsse nicht mit der guten Erde davon fliesst, verbessert sich die Bodenfeuchte und die Nährstoffe akkumulieren. Die Biomasse wird nicht mehr verbrannt, der Humus baut sich auf. Von Ernte zu Ernte wird die Fruchtbarkeit besser. Das Land regeneriert sich. Dadurch verbessert sich die reale Flächenproduktivität weiter, und wenn wir zum Beispiel die Ernte pro Jahr um das Dreifache steigern können (was ich als realistisch einschätze), so haben wir den Landbedarf auf 7-11 Prozent reduziert. Das gibt eine Menge freien Platz für Cash-Crops und vor allem für die Regeneration des Naturwaldes.

Aufbauend darauf kann es zu Sekundär- und Tertiärentwicklungen kommen, denn der neue Wohlstand zieht eine ganze Wirtschafts-Kette nach sich. Die Kinder können eine bessere Schulbildung geniessen, denn sie müssen weniger mitarbeiten und die Eltern haben mehr Mittel zur Verfügung. Handwerk und Handel kommen in Schwung. Als Beispiel kann hier ein Projekt in China dienen, welches Ende letzten Jahrhunderts ausgeführt wurde. Www….

Letztes Jahr stand im Eingangsbereich der Station ein Bündel Reispflanzen. Irgendjemand hat dort ein paar Samen hingeworfen. Rivo schenkt mir nun ein Bündel reifer Reis-Rispen. Mein erster Reis, und ich hatte ihn nicht mal gepflanzt, nur geschützt! So frage ich Lalaina, dass er mir das Reispflanzen beibringt – und pflanze meinen ersten Reis. Alle Swales, ja das ganze Wasserretentionssystem wird nun mit Reis bepflanzt, Dinat versorgt uns mit genügend Saatgut. Desweiteren finden wir einige Pflanzen mit sehr vielen Rispen. Wir beschliessen, diese zu selektieren und von denen Saatgut zu ernten. So beginnen wir, unseren eigenen Reis zu züchten. Im Schulgarten und auf der Station bepflanzen wir alle noch freien Flächen mit Bohnen, Mais und Erdnüssen. Die Kids essen das gerne, und die Erdnüsse bauen zudem den Boden auf. Noch ist der Boden sehr arm an Humus. Wir werden sehen, wie schnell wir das durch die passende Nutzpflanzen-Bepflanzung ändern können.

Rivo und Kalithy bekommen jeweils einen eigenen Garten. Darin sollen sie lernen und daraus sollen sie ihr eigenes Gemüse holen. Ich zeige ihnen, wie man Unkraut jätet, ohne die Nutzpflanzen zu schädigen. Ich zeige ihnen auch, welche Wildpflanzen nützlich sind, und sie zeigen mir dasselbe. Wir lernen voneinander. Sie wissen natürlich auch viel über die Pflanzen hier. Wir nutzen lokale Leguminosen und andere schnellwachsende Wildpflanzen als Opferpflanzen und Kompostspender. Sie werden runtergeschnitten und wachsen dann wieder, um wieder geschnitten zu werden. Schaufeln müssen wir nicht mehr, die Anlage steht ja, jetzt können wir uns voll aufs Gärtnern konzentrieren.

Kalithy beim reispflanzen.

Kalithy beim reispflanzen.

Rivo und ich gehen zu Dinat. Dort wollen wir die nächsten Terrassen bauen, und einen grossen Swale (Wasserhaltebecken). Er bekommt viel Zufluss vom Nachbarland, das kostbare Gut wollen wir auffangen und nutzen. Den Swale setzen wir recht weit unten um Land, darunter setzen wir nochmals zwei Terrassen. Wir legen sie sehr grosszügig an, mit etwa acht Meter Breite, so haben wir zwar im ersten Moment etwas mehr Arbeit, danach aber auch schöne grosse Flächen für den Feldbau. Wir legen die ersten sechs Meter an, im gesamten werden sie 70 Meter lang. Es geht vor allem darum, das Profil zu definieren, damit Dinat weiss, wie sie zu bauen sind. Technische Zeichnungen und theoretische Erklärungen haben hier draussen keinen Wert. Wir sind freudig beim Schaufeln, es ist heiss, die Sonne knallt unerbärmlich auf uns runter. Ich bekomme Blasen, die Werkzeugstiele sind sehr bescheiden in ihrer Qualität. Und doch geniesse ich es. Wir machen Witze, lachen viel und Schaufeln hart. Die Jungs sind einfach prima. Ich freue mich schon, wenn es mehr werden.

Dinat ist ein aufrichtiger Bauer, und nun auch noch ein Permakultur-Pionier!

Dinat ist ein aufrichtiger Bauer, und nun auch noch ein Permakultur-Pionier!

Dinats land, vorne das letzte mal abgebrannt, im Hintergrund die Terrassen

Dinats land, vorne das letzte mal abgebrannt, im Hintergrund die Terrassen

Beim Terrassenbau. Der Alte Baumriese wird sorgfältig freigelegt und bleibt als Kunstwerk stehen.

Beim Terrassenbau. Der Alte Baumriese wird sorgfältig freigelegt und bleibt als Kunstwerk stehen. Im Hintergrund die bereits bestehenden Terrassen.

Meine erste Reisterrasse...  :) wir hoffen damit den Reisanbau aus dem Feuchtgebiet heraus zu holen.

Meine erste Reisterrasse… 🙂 wir hoffen damit den Reisanbau aus dem Feuchtgebiet heraus zu holen.

 

Und doch schwebt über allem ein grauer Schleier. Es ist Rauch. Selbst heute ist der Himmel nicht klar und die Täler wie Nebelverhangen – nur, dass es eben Rauch ist. Eines bedrückt mich besonders. Ich hatte es schon vor Tagen bemerkt, als ich zur Stipvisite zu Dinat ging. Da zieht sich neuerdings ein Graben durch das Wäldchen am Fusse des Hügels. Es ist der Wald, von dem ich letztes Jahr berichtete. Es ist das, was ich als Grenze der Zivilisation ansehe, denn Dinats Farm grenzt an ein uraltes Feuchtgebiet, welches noch nie abgebrannt wurde.

Der Graben mit Linie Markiert

Das Tal, die Linie markiert den Graben.

Nun ist da dieser Graben, er umschliesst neun Hektar, schätze ich. Er entwässert den Wald, ist er trocken genug, kann er abgehackt werden. Danach wird das Ganze abgefackelt, um Reisfelder zu bauen. Mich überkommen die Tränen, ich fühle mich mies und machtlos. Ich höre die Vögel singen und weiss, dass dort viele Amphibien sind, von denen es weltweit nicht mehr viele gibt. Ich weiss um die Geister des Waldes, auch wenn dies esoterisch klingen mag. Ich weiss, dass dort Gott wohnt. Was auch immer Gott ist. Ich und der Wald, wir sind aus denselben Proteinen, Zuckern, Fetten, Mineralien und Vitaminen gebaut. Ich kann ihn essen und er mich. Wir sind eins. Ich bete inbrünstig zu Gott, zu Patchamama, zu Allah und zum heiligen Mickey Mouse, dass dieses Waldstück nicht verbrannt wird.
Das Waldstück ist Teil eines Tals, welches aus Naturwald besteht. Die Hügel sind bereits alle abgeholzt und von Sukzessionsvegetation bewachsen. Der Talgrund, eine kleine Ebene, ist noch intakt und umfasst 40-60 Hektar. Wenn diese schützenswerte Fläche vor meinen Augen abgefackelt wird, nicht auszudenken! Es ist total illegal, Wälder und Feuchtgebiete zu roden. Und gleichzeitig ist es absolut normal und die Executive zu korrupt, um die Gesetze umzusetzen. Von dieser Seite ist also keine Hilfe zu erwarten. Die Naturschutzorganisationen sind zu beschäftigt mit sich selbst und auch relativ ideenlos. Sie arbeiten seit vielen Jahren hier, mit sehr geringem Erfolg was die Verhinderung von Brandrodung anbelangt. Sie sind Experten in Sachen Biodiversität, Ökologie und kennen Tausende coole Spezies hier. Es ist aber leider nicht ihr Fachgebiet, die Bauern zu stoppen den Wald abzufackeln. So sind wir auf uns alleine gestellt. Ich schätze, dass wir nur 1-3 Monate haben. Dann ist das Wäldchen weg und damit das ganze Tal verloren.
Ich ziehe einen kleinen Damm um die Terrasse, die ich gerade gebaut habe und sage „misy tanimbary – Wir haben ein Reisfeld“. Die Jungs schauen mich an und nicken. Wenn sich der Swale füllt, kann das Wasser in das weiter unten liegende Reisfeld geleitet werden. Je nach Bedarf. Der Swale selbst wird ebenfalls zum Reisfeld. Wir brauchen das Feuchtbiet nicht. Wir können alles auf den Hügeln anbauen, die bereits gerodet sind.

Und nun?

Patachamama hilf uns!

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Mögen die Geister des Himmels und der Erde uns beistehen!

Ich grüsse auch aus Andasibe, Tamatave, Madagaskar!

Lukas

 

03.09.2015

Gute Nachrichten aus Andasibe!

Nach vielem hin und her, Problemen in der Organisation und Personalwechsel. Nach endlosen Facebook-Chats und Email-Verkehr ist es nun gelungen, sich auch ohnen einen Vazaha, einem Weissen vor Ort zu koordinieren. Es hat etwas gebraucht, bis sie mit der neuen Situation zurecht kamen.

Nun aber kommen gute Berichte und Bilder, welche Mut geben und zum weiter machen motivieren. Wir werden Ende Oktober eine weitere Phase der Entwicklung beginnen, Maniry, wachsen. Mehr dazu hier:

Und hier die Bilder von den neuen Terrassen:

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25.03.2015

Wir sind zurück in Europa, müde und glücklich die erste Etappe geschafft zu haben. Ein lokales Team kümmert sich um die Station und die neuen Aktivitäten, solange wir abwesend sind. Für uns gilt es nun, Arbeiten in Europa zu erledigen. Den Verein weiter entwickeln, neue Mittel finden und Kräfte sammeln für die nächste Etappe.

Den ganzen Projektbericht als PDF gibt es nun als Download – mit einem Bericht der letzten anderthalb Monate. Reichlich neues also auch für Leute, die hier schon regelmässig reingeschaut haben.

Am Rande der Zivilisation PDF – Die Story der Permakultustation

Die Grenze der Zivilisation. Bis hier wuchert der Krebs der Unwissenheit über die Natur und Ihre Regeln.

Die Grenze der Zivilisation. Bis hier wuchert der Krebs der Unwissenheit über die Natur und Ihre Regeln. Am Horizont der schwindende Urwald.

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