Madagaskar Strategie: ein semi-autarkes System …oder: Wie lösen wir uns vom Kapitalismus ohne Crash?

Madagaskar Strategie: ein Semi-Autarkes System

oder: Wie lösen wir uns ohne Crash vom Kapitalismus?

Beginnen möchte ich mit dem Begriff der „marktorientierten Betriebswirtschaft“. Ein Unternehmen muss sich heutzutage nach dem Markt ausrichten, die Strategie, die Existenz und das Wachstum des Unternehmens hängen von den Märkten ab. War es früher die Fähigkeit zu Produzieren, nach dem sich die Größe und die Strategie eines Unternehmens richtete, so ist es heute in fast allen Branchen der Absatzmarkt. Die Hauptsorge eines Bauern im Mittelalter z.B. war die Produktion seiner Kartoffeln. Heute ist es der Absatz. Für ein Unternehmen welches Zahnbürsten herstellt ist es kein Problem, doppelt soviele Zahnbürsten zu Produzieren, das entscheidende ist der Absatz. In manchen Situationen und Branchen sind Firmen auch von anderen Faktoren abhängig, wie z.B. die IT-Branche von dem Fachkräftemangel und das Diamantgeschäft von den verfügbaren Fundstätten. In den meisten Fällen jedoch ist heutzutage der Absatz entscheidend für ein Unternehmen. Konnte man früher eher von einer Produktionsorientierten Betriebsführung sprechen, so ist es heute meist eine Absatz- bzw. marktorientierte Betriebswirtschaft.

Stellen wir uns nun vor, ein Unternehmer ginge nach Madagaskar. Weil er im Fernsehen gesehen hat, dass dort schon etwa 95% des Waldes abgeholzt sind, will er Wald aufforsten. Da Madagaskar seit einiger Zeit zum Nettoimporteur für Nahrungsmittel geworden ist, will er auch in den Lebensmittelmarkt einsteigen. Er hat schon viel von spendenbasierten Projekten gehört, und auch, dass diese meist nicht allzu effektiv sind und unter stetem Geldmangel leiden. Er will es Unternehmerisch aufziehen, denn so ist er unabhängig von dem guten willen der Spender. Er nimmt also 100.000€ (der Einfachheit halber spreche ich nur von Euro) und kauft ein beträchtliches Stück Land, Werkzeuge, Saatgut und Jungpflanzen. Außerdem behält er Geld zurück, um die ersten Löhne zahlen zu können. Nach einem Jahr steht schon ein nettes Wäldchen und nach ersten Fehlschlägen erntet er die ersten Nahrungsmittel. Sein Geld ist aufgebraucht. Um also weitere Löhne zahlen zu können und weitere Investitionen zu tätigen benötigt er Geld, und Geld bekommt man durch den Verkauf von Produkten an den Märkten. In Madagaskar sind die Strassen schlecht, die Anbindung an die Lokalen Märkte also kompliziert und außerdem ist die Kaufkraft der Madagassen begrenzt. Er verkauft im Schnitt nur 50% seiner Produkte, hat also ein Absatzproblem. Ohne Absatz kann er keine Löhne zahlen und auch keine Investition tätigen. Es gibt genügend Arbeiter, genügend Land, genügend Wasser und auch genügend Sonne. Nur der Absatz bedroht seinen Betrieb und somit das Vorhaben, Madagaskar wieder zu begrünen. Da kommt ihm die rettende Idee.

Ein Madagasse benötigt etwa 70% seines Lohnes für Nahrung und Brennmaterial. Beides produziert der Unternehmer. Er frägt seine Arbeiter ob er sie mit Nahrung und Brennholz bezahlen könnte, zumindest jene 70% des Lohnes, welche sie sowieso dafür aufwenden würden. Sie sind einverstanden, vor allem, da es ihre Arbeitsplätze sichert. Der Unternehmer geht zurück in sein Büro und plötzlich wird ihm klar, dass er damit einen Teil seines größten Problems gelöst hat. 70% des für den Lohn benötigten Absatzes hatte er gelöst, bevor er auch nur einen Fuß auf den Marktplatz gesetzt hatte. Er musste also nur noch 30% des Lohnes durch Verkäufe erwirtschaften. Oder anders ausgedrückt. Wenn er auf dem Markt 30€ verdient, kann er 100€ Lohn ausschütten. Waren zuvor 100% seiner Löhne abhängig von dem Absatz, so sind es nun noch schlanke 30%. Plötzlich hatte er mit einem Absatz von 50% seiner Waren keinen Verlust mehr, sondern einen Überschuss, den er Investieren konnte. Er war begeistert und dachte sich: „Da muss mehr gehen!“. Und von da an überlegte der Unternehmer, ob er nicht noch mehr für den eigenen Bedarf produzieren könnte.

Was war geschehen? Die lokalen Märkte in Madagaskar sind schwächer als die mögliche Produktion. Der Unternehmer, welcher wie jeder andere einer Marktorientierten Betriebsführung nachgehen muss, hat um den Absatz zu erhöhen, einfach eigene Märkte geschaffen. Er und seine Mitarbeiter bestimmen somit selbst zu großen Teilen über die Prosperität des Unternehmens.

Diese Idee kam mir, als ich mir überlegte, nach Madagaskar auszuwandern um dort Entwicklungshilfe zu leisten und Wald aufzuforsten. Deshalb nenne ich diese Idee auch Madagaskar Strategie. Es hat nicht direkt mit Madagaskar zu tun und funktioniert natürlich auch überall sonst. Da es einerseits ein nach außen geöffnetes Unternehmen ist, andererseits aber ein gewisses maß an Autarkie beinhaltet, könnte man von einem semi-autarken System sprechen.

Diese Strategie mindert die Abhängigkeit von den globalisierten Märkten. Einerseits kann man diese Strategie anwenden, wenn man von den Märkten der Welt ausgeschlossen ist. Andererseits, wenn man daran nicht mehr teilhaben möchte. Ersteres gilt für all die Armen und hungernden, für all die Arbeitslosen und unterbezahlten unserer Welt. Zweites für all die Globalisierungskritiker und Weltverbesserer, welche sich aus der Mittäterschaft der grausamen und zerstörerischen Weltwirtschaft befreien wollen.

Es gab besonders während der sogenannten 68er Bewegung des 20 Jahrhunderts einen starken Trend, sich als autarke Gruppen selbst zu versorgen, um dem kritisierten System zu entkommen bzw. um andere Wege aufzuzeigen. Die sogenannten Aussteiger beschlossen sich zusammenzutun um selbst jene Welt aufzubauen, welche sie sich wünschten. Man wollte den Kapitalismus und den Raubbau und all die anderen negativen folgen nicht mehr mittragen. Da Proteste und sinnvolle Lösungsvorschläge nicht zu der gewünschten Änderung des Systems führten, beschlossen manche den „Marsch durch die Institutionen“, andere beschlossen „Aussteiger“ zu werden. Obwohl nun einige Zeit verstrichen ist, waren weder die einen noch die anderen wirklich erfolgreich. Der „Marsch durch die Institutionen“ stoppte wahrscheinlich beim Einfluss derjenigen, welche von dem System profitieren. Darauf will ich an dieser Stelle nicht näher eingehen. Bleiben wir bei den Aussteigern.

Es ist meiner Meinung nach eine sinnvolle Strategie, Stück für Stück ein neues System, eine neue Gesellschaft, ja eine neue Kultur zu erschaffen. Wenn man schon nicht alle überzeugen kann, anders zu Leben und zu handeln, so ist es auch nicht verboten, mit gutem Beispiel voran zu gehen. Warum sind aber die meisten Aussteiger gescheitert? Müsste es ihnen nicht ähnlich ergangen sein wie dem Unternehmen in Madagaskar? Dieses machte die Selbstversorgung doch erfolgreich!

Da der Markt sie nicht beschränkt hat, muss es die Produktion gewesen sein.

Unsere moderne arbeitsteilige Gesellschaft ist so effizient und produktiv, weil es ein sehr hohes Maß an Spezialisierung und große Produktionsstätten gibt. Wenn sich nun aber 20 Leute zusammentun und sich selbst versorgen wollen, müssen sie ALLE Produkte selbst herstellen. Dies ist bei weitem nicht so effizient wie in so großen Gruppen wie z.B. Deutschland eine ist. Die Gruppenmitglieder können sich nicht so sehr spezialisieren, müssen z.B. morgens die Kühe Melken und in den Garten, nachmittags das Haus ausbessern und abends noch Käse machen und Socken stricken. Spezialisierte Arbeiter sind geübter und somit effizienter, außerdem produzieren Spezialisten eine bessere Qualität. Auch steigt der Aufwand pro Einheit, da die Produktionszahlen bei 20 Personen nicht besonders hoch sind. Je höher die Produktionszahlen eines Gutes sind, desto billiger wird das Produkt. Im Verhältnis zum bestehenden System waren die Aussteiger also unproduktiv. Dies kann man z.B. durch die Senkung der Ansprüche in den Griff bekommen. Doch die Realität der wirtschaftlichen Machbarkeit brachte noch eine ganz andere Herausforderung mit sich. Selbst wenn sich 100 oder gar 500 Menschen zusammenschließen, um sich selbst zu versorgen, gibt es Produkte, die sie nicht selbst herzustellen können. Sobald man z.B. Glas und Metall möchte/benötigt, wird es ziemlich unrealistisch. Es ist zwar möglich, auf all die nützlichen Errungenschaften der modernen Kultur zu verzichten, doch sinnvoll ist es nicht. Sich total abzukapseln ist nicht nur vom Menschlichen Aspekt her bedenklich, sondern auch ein ökonomisches Unding. Auch die Aussteiger erlebten dies. Um Produkte von außen zu kaufen, musste man etwas anbieten können. Die ineffiziente Produktion konnte aber nicht mit den Industriell hergestellten Gütern Konkurrieren. Entweder sie spezialisierten sich nun, z.B. auf biologische Landwirtschaft, oder sie gingen Pleite. Der Traum von der Autarkie war geplatzt.

Dies mag eine etwas vereinfachende Darstellung der Entwicklung sein, da es bestimmt noch andere Faktoren gab, welche einen Erfolg der Aussteiger verhinderte. Die Ökonomie ist aber garantiert ein wichtiger Faktor. Man sieht also, dass ein Ausstieg aus dem System nicht auf einmal gemacht werden kann, man muss ihn eher progressiv denken. Da man nicht alle Produkte sofort herstellen kann, muss man von vorne herein auch den Außenhandel einplanen. Es gibt also Produkte für den Außenhandel und Produkte für den eigenen Markt. Bei den Außenhandelsprodukten gelten die normalen Regeln der Marktorientierten Betriebsführung, in diesem Sektor ist man Marktabhängig. Die Produkte für den eigenen Bedarf/Markt sind von dem äußeren Markt unabhängig. Man kann sie in einer eigenen Währung handeln. Entscheidend für den Erfolg in diesem Bereich ist alleine die Fähigkeit zu Produzieren.

Um nun herauszufinden, was man am besten für den eigenen Markt herzustellen, gilt es progressiv zu denken. Abgesehen von Ideellen Gründen wie z.B. das ablehnen von Gen-Food gibt es ein einfaches Prinzip um zu entscheiden, was man für den eigenen Bedarf herstellt.

Hat eine Gruppe 10 Mitglieder gibt es gewisse Dinge, die sie effektiv selbst herstellen kann. Z.B. Gemüse im eigenen Garten. Effektiv heißt, dass man weniger oder gleich viel Aufwand hat als wenn man etwas anderes herstellt und es eintauscht.

Wächst die Gruppe nun, z.B. auf 20 Mitglieder, so wird die Produktion effektiver, da der Bedarf und damit die Produktionsmengen gestiegen sind. Außerdem kann es sein, dass manche Sektoren mit 10 Mitgliedern uninteressant sind, mit 20 Mitgliedern als Konsumenten aber lukrativ.

Mit Anwachsen der Gruppe wird also erstens die bisherige Produktion effizienter und zweitens werden immer Sektoren attraktiv für die Selbstversorgung. Je größer also die Gruppe, desto unabhängiger wird man vom Außenhandel bzw. vom kapitalistischen System.

Effizienz und Marktunabhängigkeit steigen also relativ zur Gruppengröße. Und ich glaube auch die Attraktivität für all jene, welche noch im alten System sind.

Fassen wir nochmal zusammen:

  1. Ein auf diese Weise geführtes Unternehmen hätte eine enorme Prosperität, da der beschränkende Faktor der Vermarktung durch den Eigenkonsum verringert wird.

  2. Je größer die Gruppe, desto effektiver sind die einzelnen Sektoren und desto mehr Sektoren sind attraktiv. Je mehr Sektoren es gibt, desto höher ist der selbstversorgungsgrad. Und je größer der Selbstversorgungsgrad ist, desto leichter ist es, neue Leute aufzunehmen. Die Gruppe wird größer, und die Schleife beginnt von vorn. Wenn man dies in Entwicklung denkt, erkennt man, dass es ein sich selbst verstärkender Prozess ist.

  3. So könnten Stück für Stück Wirtschaftsräume aufgebaut werden, in welchen nach neuen Spieregeln zusammengearbeitet wird. Dies könnte man als einen gleitenden Übergang bezeichnen, eine Ablösung vom Kapitalismus ohne Crash.

Meine anfängliche Idee für ei n Unternehmen entwickelte sich mehr und mehr zur Strategie für die Einführung eines neuen Volkswirtschaftssystems. Doch wie sieht ein solches aus? Diese Strategie zeigt gewisse allgemeine Prinzipien auf, gibt jedoch keine Antwort darauf, wie intern miteinander agiert wird. Wenn man wieder dieselben Regeln verwendet, die auch schon im Kapitalismus gelten, so wird man nach einiger Zeit wieder dasselbe haben wie zuvor, nur dass die Reichen dann neue Namen haben. Wie aber organisiert man eine Volkwirtschaft? Wie erreicht man Gerechtigkeit im wirtschaftlichen System?

Dies gilt es an anderer Stelle zu erörtern, gesagt sei hier nur soviel: Die Madagaskar Strategie ist nur ein TEIL einer möglichen Lösung.

Noch ein paar Gedanken(bei)spiele:

  • Wenn man es schafft 75% der Konsumgüter und 75% der Betriebsmittel selbst herzustellen, so kann das Unternehmen mit jedem Euro aus dem Außenhandel um 4 € real wachsen.

  • Schafft man es alle Lebenswichtigen Güter und alle dazu benötigten Betriebsmittel selbst herstellen zu können, so kann das Unternehmen aus sich heraus allen Hungernden und Armen in der Welt eine Lebensgrundlage geben. Dazu wird dann NICHT AUCH NUR EIN EINZIGER EURO benötigt. Es wäre eine Selbsthilfe aus eigener Kraft, eine Bürgerbewegung, welche echt bewegt. Euros würden diesen Vorgang natürlich beschleunigen helfen.

  • Man kann den Binnenmarkt als Private Veranstaltung, als Forschungsprojekt oder ähnliches bezeichnen, was extrem „steuereffizient“ ist. 😉 Außerdem gelten die Handelsgesetzbücher nicht, dies könnte so manche Bürokratie einsparen.

  • Wenn man es tatsächlich schafft, die Milliarden von Menschen, welche nicht am heutigen Markt teilnehmen können oder eine schlechte Marktposition haben, in semi-autarken Systemen zu organisieren, welche untereinander Handel betreiben, könnte dies auch bei den alten Systemgewinnlern Attraktivität erlangen. Zu bedenken ist, dass die Madagaskar-Strategie nur ein denkbarer Teil einer viel größeren Transformation der Menschheit ist.